Depression ist keine Kinderkrankheit

– aus gutem Grund

Schwermut, Melancholie und Depression auf der Spur.

Die Ursachen einer depressiven Erkrankung sind multifaktoriell, das bedeutet, sie können genetisch, sowie Stoffwechsel bedingt sein, sich aus den Lebensumständen oder aufgrund anderer Krankheiten ergeben. Einig ist man sich über das Erstauftreten einer Depression bzw. einer depressiven Phase. So wird der Beginn meist ab dem 20. bis 25 Lebensjahr datiert. Bei Jugendlichen sind Depressionen eher selten bzw. meist sind es Anpassungsschwierigkeiten mit depressiven Symptomen.

Und bei Kindern? Sie scheinen immun gegen Depressionen zu sein. Was haben sie den Erwachsenen voraus?

Im Rahmen meiner Studien über Achtsamkeit innerhalb der Akzeptanz-Commitment-Therapie (welche sehr häufig bei depressiven Patienten angewendet wird) fiel mir folgendes auf: Der Kern dieser Methode – nämlich das Fokussieren auf das „Hier und Jetzt“ –  ist etwas, das wir in der Kindheit gar nicht üben mussten, da das „Hier und Jetzt“ wesentlich näher war, als das die Zukunft oder die Vergangenheit.

Die Ursache:

Wenn Kinder spielen oder sich mit etwas beschäftigen, sind ihre Gedanken nicht bei Steuererklärungen, Krankheiten, Politischen Entwicklungen, Beziehungsproblemen oder vergangen Ereignissen. Selbst die Themen, welche für Kinder gerade aktuell sind, (Spielsachen, Geschwister, Eltern, Freunde, Kindergarten, Schulisches, Comichelden und Prinzessinnen) rücken schnell wieder in den Hintergrund, um sich wieder auf das Tuen konzentrieren zu können. Bei Erwachsenen spielt dieser Hintergrund (natürlich mit anderen Themen) eine größere Rolle. Das „Denken“ überwiegt dem „Sein“.

Das kognitive Model der Verhaltenstherapie lehrt uns, dass Emotionen, Stimmungen und entsprechendes Verhalten zum größten Teil aus Gedanken entstehen und je düsterer die Gedanken, desto düsterer natürlich die Stimmung.

Die meisten Inhalte der Nachrichten versorgen uns reichlich mit Schreckensszenarien, aus denen wir gar nicht anders können als entsprechende angstbesetzte Visionen zu entwickeln. Finanzielle Zukunftssorgen, Beziehungsfragen, Selbstwertzweifel und Angst vor Krankheiten sind weitere dieser Themen, die sich im Hintergrund abspielen.

Das Problem:

Das Verschmelzen mit diesen Gedanken lässt uns in einer entsprechend furchterregenden „Realität existieren“. Mit Verschmelzen ist gemeint, dass unser vegetatives Nervensystem auf derartige Gedanken reagiert, als seien es reale Situationen. In der Akzeptanz Commitment Therapie spricht man von „Fusion“. Ein Phänomen, dass lebenswichtig sein kann, denn ohne Angstempfinden durch den Gedanken an gefährliche Situationen, hätten wir keinen wirklichen Respekt davor. Hätte der Steinzeitmensch also bei dem Gedanken an einen Säbelzahntiger emotionslos mit den Schultern gezuckt, wäre er wahrscheinlich schon am nächsten Tag zum Frühstück geworden.

Fusion ist also ganz fest in uns verankert. Die Film-, Buch- und Musikindustrie nutzt dieses Phänomen (wohl eher unbewusst) aus, indem sie uns auf emotionale Reisen schickt, die uns zu Tränen rühren, zum Lachen bringen, oder uns einen wohldosierten Schauer über den Rücken laufen lassen.

Genaugenommen findet die Fusion zwischen unseren Gedanken und unserem Erleben – also uns selber statt. Über das Denken definieren wir uns. Eine Tatsache, über die schon Rene Descartes im 17. Jahrhundert philosophierte. („ego cogito, ergo sum” – Ich denke, also bin ich)

Wie aber können wir uns gegen die furchterregenden Gedanken wehren?

Eine Methode galt als vielversprechend, und wird heute auch noch angewendet: Einfach diese Gedanken unterdrücken, bzw. lieber an etwas „Schönes“ denken. Das funktioniert allerdings genauso gut, als würde man einen Wasserball, den man nicht sehen will, unter Wasser drücken. Auf Dauer sehr anstrengend, und wirklich weg sein wird er niemals.

Die Lösung:

„Defusion“ lautet die Lösung in der Akzepanz Commitment Therapie. Also die Trennung der Gedanken von uns selber. Wenn wir nämlich lernen, unseren Gedanken aktiv zu lauschen anstatt sie als uns selbst zu sehen, können wir uns davon distanzieren und versuchen auf die „wirkliche Wirklichkeit“ zu achten.

Ein Beispielgedanke hierzu wäre: „Ich nehme wahr, wie ich dieses oder jenes denke, es ist aber nicht die Realität sondern nur ein Gedanke!“ Wir schlüpfen also in die Rolle eines Beobachters und erreichen so eine gewisse Distanz, die uns dazu bringt, nicht der Gedanke zu sein, sondern jemand, der einen Gedanken denkt. Man nimmt diesen Gedanken dann zur Kenntnis, entzieht ihm die Wichtigkeit. Dann widmet man sich wieder der Beschäftigung, aus der man durch den Gedanken gerissen wurde. (Oder sucht sich eine Beschäftigung – z.B. dem Achten auf den eigenen Atem) Der Gedanke verschwindet zwar nicht, verliert aber so an Kraft, uns vom Sein abzulenken.

So kommen wir dann ein Stück näher an denjenigen Lebensmodus, den Kinder erleben.

Die „Mühlen des Alltags“ machen es uns allerdings nicht leicht, unsere Gedanken und unser Erleben zu trennen. Durch Achsamkeitsübungen lässt es sich allerdings trainieren. Genauso, wie wir nicht mehr über die einzelnen Prozesse beim Autofahren nachdenken, verselbstständigt sich auch die Defusion mit der Zeit.

Ein sehr schöner Nebeneffekt der Defusion ist, dass wir einen Raum gewinnen, in dem wir uns wirklichen wichtigen Fragen widmen zu können. Fragen, nach unseren eigenen Werten, nach Zielen im Leben. Hierbei werden wir nämlich nicht selten durch Gedanken unterbrochen, die uns Angst machen. Angst vor dem Ungewissen, oder vor der vermeintlichen Meinung anderer über unsere Werte und Ziele. Akzeptieren Sie diese Gedanken einfach und machen unbeirrt weiter.

Die Akzeptanz Commitment Therapie ist natürlich wesentlich umfangreicher, und Defusion ist nur eine der Techniken. Aber eine so wichtige, dass ich sie gerne „unter die Leute“ bringen möchte.

Stefan Röhrig

Heilpraktiker für Psychotherapie/Personal Coach

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